Einer muss es ja machen?

Raum für Motivation schaffen und Potentiale heben

Manchmal geht sie verloren. Wir müssen uns dann aufraffen, überwinden, zusammenreißen – oder wir verlieren, sofern wir uns das leisten können, das Ziel einfach aus den Augen. Machen vielleicht noch das Nötigste, weil es eben nötig ist, aber nicht, weil wir wollen.

Manchmal aber wissen wir auch gar nicht, woher sie überhaupt gekommen ist. Ein Gedanke, eine Idee, Inspirationen am Wegesrand. Dann ein innerer Funke, schließlich ein kleines Flämmchen – und plötzlich ist ein Feuer entfacht. Wir brennen für etwas, spüren eine mächtige Lust, etwas zu tun – die Überzeugung, etwas bewirken zu können.

Wie entsteht und wächst sie, diese geheimnisvolle Kraft, die uns Menschen morgens aufstehen lässt, die uns antreibt, Neues zu lernen? Die Hindernisse nicht mehr gelten und uns Berge versetzen lässt? Die alles möglich, machbar, erreichbar und erstrebenswert erscheinen lässt?

Was ist Motivation?

Sie ist es eine der komplexesten Kräfte menschlichen Handelns. Motivation bedeutet wörtlich: Beweggrund. Sie beschreibt den inneren Zustand, der Verhalten antreibt, Richtung gibt und Energie freisetzt. Ohne Motivation keine Handlung, ohne Handlung kein Fortschritt.

Die moderne Psychologie spricht von Motiven — also individuellen Gründen, etwas zu tun. Wie das Motivationsrad aus der Neue Narrative (Nr. 24, 2025) zeigt, sind diese Antriebskräfte vielfältig: Leistung, Macht, Zugehörigkeit, Sinn, Spaß, Anerkennung, Verantwortung oder persönliches Wachstum. Das Rad hilft, persönliche Präferenzen sichtbar zu machen und zu verstehen, welche Motive in der konkreten Arbeit wirksam werden.

Bereits in der Bhagavad Gita – eine der zentralen Schriften des Hinduismus, ihr Ursprung reicht mehrere Tausend Jahre zurück – findet sich eine tiefe Einsicht: Śhraddhā – das, was im Herzen liegt. Eknath Easwaran übersetzt Śhraddhā weiter als die Summe unserer inneren Haltungen — Überzeugungen, Werte, Glaubenssätze, Vorurteile und Grundannahmen, die unsere Wahrnehmung färben und unser Denken lenken.

Anders gesagt: Was wir glauben, wird zu dem, was wir tun. Motivation im wissenschaftlichen Sinn ist demnach die sichtbare Bewegung, die aus dieser unsichtbaren inneren Haltung erwächst.

Motivation liefert Energie
und Zielrichtung,
aber nicht automatisch
moralische Richtigkeit

Wichtig ist: Śhraddhā ist moralisch neutral. Eine starke innere Überzeugung kann zu großartigem, sinnstiftendem Handeln führen — aber eben auch zu zerstörerischem Verhalten. Historisch und aktuell gibt es dafür unzählige Beispiele: Menschen handeln aus tiefem Glauben oder Pflichtgefühl — und das Ergebnis kann Gutes wie Schlechtes sein. Du kannst motiviert sein, soziale Projekt aufzubauen, Menschen zu helfen, bedrohte Arten zu retten oder in deinem Sport besser zu werden. Genauso kannst du aber auch motiviert sein, Andersdenkende zu attackieren, die Demokratie abzuschaffen oder Nachbarländer zu überfallen. Motivation liefert Energie und Zielrichtung — aber nicht automatisch moralische Richtigkeit.

Das moderne Motivationsverständnis in der Wissenschaft beschreibt Daniel Pink in „Drive – Was Sie wirklich motiviert“ (2010):  drei zentrale Elemente, die genau diesen inneren Kompass abbilden:

  1. Autonomie– das Bedürfnis, selbstbestimmt handeln zu können.
  2. Meisterschaft– das Streben, in dem, was wir tun, besser zu werden.
  3. Sinn– das Empfinden, Teil von etwas Bedeutungsvollem zu sein.

Diese drei Faktoren bilden den Gegenpol zu extrinsischen Motivationssystemen wie Belohnung und Bestrafung. Pink zeigt: Äußere Anreize, wie Belohnung und Bestrafung, motivieren kurzfristig – innere Überzeugungen langfristig. Motivation ist damit kein „Trick“, sondern eine Haltung.

Zusammengenommen zeigen die Perspektiven: Jeder kann sich nur selbst hinterfragen und motivieren. Führungskräfte können lediglich den Rahmen und die Umgebung schaffen, in der Motivation entstehen und sich entfalten kann. Sie sollten nicht nur danach fragen, ob Energie vorhanden ist, sondern auch wofür sie eingesetzt werden soll.

Deshalb ist ethische Reflexion zentral: Organisationen, Führungskräfte und Coaches sollten Systeme schaffen, die nicht nur Motivation fördern, sondern auch die Richtung dieser Motivation hinterfragen und ausrichten. Methoden dafür sind Wertearbeit, ethische Guidelines, Diversity-Checks (um einseitige Weltanschauungen zu vermeiden) und kontinuierliche Reflexionsräume, die verhindern, dass starke innere Überzeugungen unbemerkt in schädliches Handeln münden. Das Motivationsrad kann dabei helfen, nicht nur Motivationsstärke zu messen, sondern auch zu prüfen, welche Werte und Annahmen hinter den Motiven stehen — und ob diese mit den ethischen Standards einer Organisation vereinbar sind.

Wie motiviert sind wir wirklich? – Ein Blick in die Zahlen

Schon mal gehört: Einer muss es ja machen, jeder ist mal dran, ich habe nicht schnell genug die Hand runtergenommen oder bevor ich das mache, mach ich lieber das? Laut Gallup-Studie von 2024 (zahlen veröffentlicht im März 2025) sind in Deutschland:

  • nur 9 % der Beschäftigten hoch motiviert und emotional an ihr Unternehmen gebunden (erstmals einstellig seit 2001),
  • 78 % machen „Dienst nach Vorschrift“ – also funktional, aber ohne inneres Engagement (Rekordhoch),
  • 13 % sind demotiviert und haben innerlich gekündigt.

Die hoch motivierten Leistungsträger bringen laut Gallup bis zu 20 % mehr Produktivität als der Durchschnitt. Umgekehrt verursachen demotivierte Mitarbeitende enorme Folgekosten – durch Fluktuation, Fehlzeiten und Innovationsverlust. Insgesamt ruft die Mehrheit der Beschäftigten nur 50–70 % ihres Potenzials ab – eine stille Reserve, die weniger von Fähigkeit als von Motivation abhängt.

Warum ist Motivation so wichtig?

Motivation ist kein „Nice-to-have“. Sie ist die Währung moderner Arbeit. McKinsey geht bereits 2020 von einem jährlichen Produktivitätsverlust für ein median S&P 500 Unternehmen durch Disengagement und Attrition von 228-355 Millionen Dollar aus. Doch über Zahlen hinaus geht es um mehr: Motivierte Menschen entwickeln Ideen, übernehmen Verantwortung, bleiben gesund, lernen schneller. Sie verbinden sich emotional mit ihrer Aufgabe – und geben damit Organisationen Seele und Richtung.

Das Motivationsrad erinnert uns: Motivation ist nie gleich. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel unserer Motive – individuell, wandelbar, lebendig. Nur wer diese Vielfalt versteht, kann sie kultivieren.

Die Schattenseite – Kann Motivation schädlich sein?

Zu viel Motivation? Das klingt paradox, ist aber real. Übersteigerter Leistungsdrang, permanentes „Mehr“, ständige Selbstoptimierung – sie können kippen. Wenn intrinsische Leidenschaft in Perfektionismus mündet, droht Burn-out.

Studien zeigen, dass besonders hoch engagierte Menschen gefährdet sind, ihre Energie zu überschreiten – oft, weil sie keine Grenzen setzen. Motivation wird dann zur Falle: der Drang, alles zu geben, lässt keinen Raum zum Regenerieren. Hier gilt: Motivation braucht Balance. Sie sollte inspirieren, nicht treiben. Fördern, nicht verzehren.

Das Motivationsrad bietet hier ein wertvolles Werkzeug – es macht sichtbar, welche Motive über- oder unterrepräsentiert sind. Wer regelmäßig reflektiert, erkennt, wann Motivation kippt – und wo neue Energiequellen warten.

Fazit: Die Kunst der inneren Bewegung

Motivation ist kein Dauerzustand, kein Zaubertrick. Sie ist Bewegung – ein Pendel zwischen Antrieb und Ruhe. Sie entsteht, wenn Menschen sich gesehen, befähigt und verbunden fühlen.

Oder, wie es Daniel Pink formuliert:
„Menschen wollen nicht gemanagt werden. Sie wollen sich selbst managen.“

Wenn Organisationen das verstehen, entsteht nicht nur Leistung – sondern Leidenschaft. Und vielleicht ist das die größte Motivation überhaupt: das Gefühl, Teil von etwas Sinnvollem zu sein

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