Gemeinsam stark gefährdet?
Ein Blick unter den Deckmantel der Loyalität
Nichts ist edler, nichts ehrwürdiger als Loyalität – soll der römische Philosoph und Dramatiker Lucius Annaeus Seneca gesagt haben. Und es ist nur eines von vielen Zitaten, die Loyalität in höchsten Tönen loben. Es geht meist um Vertrauen, Freundschaft Zusammenhalt, um das gemeinsame Erreichen großer Ziele, das bedingungslose Einstehen füreinander, Seite an Seite, egal was kommt, kein böses Wort auf den anderen kommen lassen und – halt! Wie weit geht Loyalität wirklich, wann wird sie gefährlich, bzw. ist das dann überhaupt noch Loyalität?
Wenn alle in einem Boot sitzen und auf das gleiche Ziel zusteuern, ins selbe Horn blasen, gemeinsam die immer gleichen Lieder singen und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen – sind sie dann loyal? Oder rudern die einen mit voller Kraft, während andere vor sich hindösen? Überlegt sich der ein oder andere vielleicht schon, wie er das Steuer übernehmen kann. Und schweigen einige noch immer, obwohl sie den Sturm am Horizont längst kommen sehen?
Loyalität – interpretiert man sie falsch, wird schnell zum Gift – für den gesunden Menschenverstand, für ehrliche Kommunikation, für die eigenen Werte und Vorstellung und auch für die gemeinsamen Ziele!
Woher kommt der Begriff Loyalität?
Das deutsche Wort Loyalität stammt vom französischen Wort loyauté ab, das Anständigkeit bedeutet. Die Wurzeln gehen zurück auf das lateinische Wort lex, was Gesetz, Vorschrift, Gebot, Vertrag, Bedingung heißt. Wörtlich übersetzt meint Loyalität also in etwa Gesetzestreue oder Treue gegenüber Regeln, Vereinbarungen oder einer Autorität.
Romantisch betrachtet ist Loyalität eine Herzensangelegenheit. Sie bedeutet, jemandem verbunden zu sein, auch wenn es mal Gegenwind gibt. Sie ist kein Vertrag, sondern ein stiller Handschlag: Ich bin ehrlich zu dir, auch wenn es unbequem ist.
Echte oder falsch verstandene Loyalität?
Echte Loyalität gibt Dir ein angenehmes Gefühl von Vertrauen, Sicherheit und Verlässlichkeit. Ein Chef, der sich schützend vor Dich stellt, wenn der Kunde Dich gerade in der Luft zerreißen will. Ein Trainer, der Dich auch nach drei schlechteren Spielen nicht fallen lässt oder Mitarbeitende, die auch in einer schwierigen Phase nicht gleich das Weite suchen.
Anders als Vertrauen und Verlässlichkeit, sind jedoch übertriebener Respekt oder gar Angst kein Fundament für echte Loyalität. Wenn lieber nichts gesagt wird, weil es sonst Ärger gibt. Wenn etwas so bleibt, weil das schon immer so war. Und wenn etwas so ist, weil der Chef es halt so will! So kommt man durch scheinbare Loyalität nicht dem gemeinsamen Ziel näher, sondern endet unter Umständen durch blinden Gehorsam im Desaster. Das stehst Du dann mit Spinat zwischen den Zähnen, in einem Hemd, mit dem Du aussiehst wie eine Lavalampe und hälst eine Vorstandspräsentation, in der nur die Hälfte stimmt – aber alle haben gesagt, passt schon, Du siehst gut aus, das wird prima!
Falsch verstandene Loyalität ist so keine Tugend, sondern eine Tarnkappe – sie schützt davor, die Verantwortung zu übernehmen und schafft Raum für Fehler und Fehlentscheidungen. Sie ist das politisch korrekte Synonym für die Angst vor der Wahrheit, nicht selten bestärkt durch Gruppenzwang.
Loyalität ist auch kein Versprechen auf Lebenszeit. Sie sollte ja wachsen, weil man an eine gemeinsame Sache glaubt, Werte teilt und Ziele mitträgt. Wir verbinden sie zwar oft mit Personen – aber wem oder was gegenüber bleiben wir im Zweifel loyal? Dem Kapitän, der nach und nach den Kurs ändert, seine Ziele korrigiert, das Gute aus den Augen verliert und narzisstische Züge entwickelt? Oder meutern wir, weil wir zu der Sache stehen, zu den Zielen, für die wir ursprünglich an Bord gegangen ist?
- Wenn Du mehr darüber erfahren willst, wie narzisstische Führungskräfte Kritik als Bedrohung erleben und Loyalität mit persönlicher Zustimmung verwechseln: Braun, S., & Frey, D. (2017). “Narzissmus in Organisationen: Licht- und Schattenseiten narzisstischer Führungskräfte.” In: Schütz, A., & Greifeneder, R. (Hrsg.), Sozialpsychologie der Führung.
Die Anfälligkeit hierarchische Strukturen
Hierarchien sind das ideale Biotop für falsch verstandene Loyalität – feuchtwarm, kontrolliert, mit wenig Licht und noch weniger Humor. Narzisstische Führungskräfte neigen dazu, Loyalität nicht als kritische Auseinandersetzung oder gemeinsame Verantwortung, sondern als Unterordnung, Bewunderung oder bedingungsloses Unterstützen zu sehen.
Falsch verstandene Loyalität tarnt sich oft als Harmonie – in Wahrheit legt sie einen Mantel des Schweigens über Konflikte und Diskussionen, die dringend gelöst und geführt werden müssten. Sie schützt Macht, nicht Ehrlichkeit. Und sie verwandelt Mitarbeitende in höfliche Zuschauer oder in unzufrieden Schweigende. Loyalität wird hier mit bedingungsloser Gefolgschaft verwechselt. Wer nickt, ist zuverlässig. Wer fragt, ist gefährlich. Wer widerspricht, ist illoyal.
- Wie narzisstische Führungskräfte Feedback und Widerspruch als Bedrohung für ihr Selbstbild erleben kannst Du nachlesen im Artikel von: Rosenthal, S. A., & Pittinsky, T. L. (2006). Narcissistic Leaders: The Good, the Bad, and the Ugly. The Leadership Quarterly, 17(6)
Eine Innovationsbremse für Unternehmen!
Falsch verstandene Loyalität ist ein Produktivitätsfresser erster Güteklasse. Sie blockiert Innovation, verzögert Entscheidungen und sorgt dafür, dass viele kluge Ideen und Anregungen – was man tun könnte oder unbedingt tun müsste – ungehört im Flurfunk hinter vorgehaltener Hand versanden!
Falsch verstandene Loyalität ist wie frische Farbe auf alten Gemäuern: Alles sieht nett aus, aber drunter bröckeln und schimmeln die tragenden Wände. Wenn niemand mehr wagt, die Wahrheit zu sagen, dann wird irgendwann auch das Dümmste zur Dienstanweisung. Und das ist teuer – in Euro, in verlorenem Gedankengut, nicht umgesetzten Ideen und Innovationen und auch durch sinkende Mitarbeiterzufriedenheit.
Wie könnte eine andere Zukunft aussehen?
In einer gesunden Organisation ist Loyalität keine Einbahnstraße nach oben, sondern ein Kreis. Sie gilt dem Zweck, nicht einer einzelnen Person. Teams mit einem Loyalitätsbegriff, der Diskussion und Offenheit nicht nur zulässt, sondern ausdrücklich wünscht, erzielen bessere Ergebnisse. In einer holokratischen Struktur zum Beispiel bist Du loyal zu Deiner Rolle, zu Deiner Verantwortung, zu Deiner Mission– nicht zu einer Person, nur weil sie in der Hierarchie über Dir steht. Dort darfst Du, sollst Du sogar sagen: „Chef, das ist nicht der richtige Ansatz.“ Und der Chef wird sich für Deine Meinung interessieren: „Okej, ich bin gespannt auf Deine Argumente.” So entsteht echte Loyalität: Nicht durch Angst, sondern durch Vertrauen und Verlässlichkeit. Nicht durch Schweigen, sondern durch Reden.
Empfehlungen:
- Streitkultur fördern
Loyalität heißt, miteinander zu diskutieren, nicht übereinander zu lästern. - Ehrlichkeit belohnen
Ein Widerspruch kann mehr Wert schaffen als zehn „Ja, Chef!“. - Loyalität von Eitelkeit trennen
Ein Widerspruch ist kein Angriff – oft ist er ein Geschenk. Wer ehrlich seine Meinung sagt, zeigt damit nicht mangelnde Wertschätzung, sondern Vertrauen. Nur wer sich sicher fühlt, widerspricht – weil er nicht bestraft, sondern gehört wird. - Loyalität vom Ich zum Wir verlagern
Nicht: „Ich steh zu dir, Chef.“
Sondern: „Ich steh zu unserer Aufgabe.“ - Humor hilft
Wer über sich selbst lachen kann, braucht keine falsche Loyalität.

